Wozu Männlichkeit?
Junge Frauen werden immer progressiver und junge Männer immer konservativer und extremer. Woran liegt das? Warum sind überwunden geglaubte Formen von Männlichkeit seit einiger Zeit wieder erfolgreich?
Wir erleben derzeit ein paradoxes gesellschaftliches Phänomen: Während junge Frauen immer progressiver werden, vollziehen viele junge Männer in ihren wichtigsten Sozialisationsphasen einen konservativen Backlash. Gleichzeitig präferieren selbst fortschrittlich denkende Menschen für bestimmte Machtpositionen plötzlich wieder alte Männlichkeitsmuster, ganz nach dem Motto: »Wir brauchen jemanden, der durchgreift«. Aladin El-Mafaalani und Heidi Süß analysieren diese Krise. Ihre Diagnose: Männlichkeit ist heute eine umfassende historische »Verlusterfahrung«. Der historische Verlust von Dominanz in den Geschlechterverhältnissen, den Frauen als emanzipatorischen Gewinn erleben, das Schwinden von Bedeutung im Erwerbssystem und die fehlende Orientierung haben sich über Jahrzehnte aufgebaut. Als Kompensation für diesen Statusverlust flüchten sich viele Männer in eine demonstrative neue alte Männlichkeit, die sich massiv über Körperkult und das Inszenieren von Autorität definiert. Das Buch zeigt, dass das Phänomen nicht auf die sozialen Netzwerke beschränkt bleibt. Gleichwohl gibt es Auswege und die Potenziale einer neuen Vielfalt.
Aladin El-Mafaalani, 1978 im Ruhrgebiet geboren, ist Professor für Migrations- und Bildungssoziologie an der TU Dortmund. Zuvor war er u.a. Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück, Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Münster und Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf. Für seine wissenschaftliche Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Preis für öffentliche Wirksamkeit der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und das Bundesverdienstkreuz.
Heidi Süß, geboren 1986 in Weiden, vereint in ihrer Arbeit wissenschaftliche Analyse mit kultureller Nahbarkeit. Ihr Fokus: die politischen, sozialen und geschlechtsspezifischen Dynamiken im deutschsprachigen Rap. Ihre Promotion im interdisziplinären Graduiertenkolleg »Gender & Bildung« widmete sie der Inszenierung von Männlichkeit im Deutschrap. Heute ist sie Professorin für Soziale Arbeit an der International University of Applied Sciences in Braunschweig